Dienstag, 19. Januar 2016

Von Abschied und Neuanfang #letzter Schultag

Das hätte mein letzter Reiseblog werden sollen, ein Bericht über Abschied, freudige Wiedersehen und Otavalo. Aber ich werde das erst einmal aufschieben.

Warum? Heute war mein letzter Schultag. Nein, falsch gesagt, heute betrat ich die Schule das letzte Mal. Mein letzter Schultag liegt fast ein Monat zurück. Ich erinnere mich nicht einmal richtig, weiß nur dass Schule für mich etwas selbstverständliches geworden war. Unter der Woche um halb 7 aufstehen, frühstücken und dann bis 12:30 Unterricht. Ich habe nicht mehr nachgedacht, bin nicht mehr mit fixen Plänen und Vorstellungen in die Klassenräume gestolpert, keine Frustration wenn die Kinder wieder einmal alles andere tun außer mir zuzuhören. Ich habe das Leben als Lehrer akzeptiert, es wurde Alltag.
Darum war mein Blog in den letzten Monaten Schulfrei. Warum über etwas schreiben dass Normalität ist? Das Alltag zu werden scheint?
Der Unterricht wurde immer spontaner, immer flexibler und an die Schüler angepasster. Die 7 Klasse will nicht? Ok, ihr Pech, dann machen wir nun einmal wenig bis gar nichts. Ich hörte auf mich fertig zu machen und zu überlegen wie ich die Kinder motivieren kann. Ob das unverantwortungsvolles Verhalten ist? Ich weiß nicht. Aber für eine Freiwillige in einem fremden Land, die keinen Cent für ihre Arbeit bekommt, denke ich es war ok.
Na gut, wenn sie nicht so schnell sind mache ich nun einmal drei Wochen hintereinander mit der dritten Klasse Früchte. Ja, mein Gott dann sind sie halt besser und können schon viel, ist doch toll wenn ich in der 5 drei Wochen vor allen anderen Klassen bin. Ja wenn sie wollen singe ich Weihnachtslieder. Ok, ihr seit unruhig? Dann macht halt eine Klopause. Was ihr wollt immer noch nicht? Selbst nach fünf Wahrungen? Ja dann gehe ich halt. Edwin hat nichts dagegen, ich bin Freiwillige, ich muss mir das nicht antun.

Die Schule hatte gute und schlechte Seiten, Kinder die viel mehr wussten als ich dachte, die aufmerksam waren, mitmachten, Kinder die so motiviert waren dass es beinahe eine Plage wurde. Andere wiederum verschliefen den Unterricht, oder im Extremfall, taten alles damit sie nicht die einzigen Störenden waren. Manchmal musste ich Kinder zum Direktor schicken, manchmal saß ich eine halbe Stunde auf dem Schreibtisch und schaute den Kleinen beim Krach machen zu. Aber dann waren da auch die Tage an denen ich das doppelte von dem machte was der Plan war. Tage an denen ich von Kindern überrannt wurde die mich umarmten, sich weigerten meine Beine loszulassen und eine riesige Menschentraube bildeten. Machmal wurde ich von kleinen Geschenken, seien es Zuckerln, Obst oder Mini Liebesbriefe überhäuft.

Heute dasselbe, die Kinder haben teilweise geweint. Sie wollen nicht das ich gehe, sie verstehen es nicht. Von der 5 Klasse aufwärts haben die Lehrer die Wahrheit gesagt, der neue Direktor will kein Englisch, er sieht keinen Sinn darin. In den anderen war ich undeutlich, habe mich auf die gutes Seiten kenzentriert. In der 5 und 2 Klasse wollten sie mich nicht mehr gehen lassen. Kindertrauben klebten an meinen Füßen, Fotos wurden gemacht, die 7 Klasse ignorierte die ganzen Situation, die 6 war ungewöhnlich still. In der 4 sah ich nur enttäuschte Gesichter, die 3 versuchte noch einmal ihr gesamtes nglisches Vokabular auszupacken und in der 1 verstanden die Kinder nicht ganz was los war. 
Die Lehrer umarmten mich, man versicherte mir weiter für meine Rückkehr zu kämpfen, ich musste alles versprechen sie zu besuchen, ich könnte jederzeit in die Klassen kommen und sei es nur auf ein schnelles "Hello". 
Es war Herzzerreißend, ich will die Kinder nicht so zurücklassen. Weil ich dachte es wäre eine nette Geste habe ich jedem Zuckerln gegeben aber wenn ich ehrlich bin war es nicht genug. Sie mögen es nicht realisieren aber ich habe in den letzten Monaten durch das Unterrichten so viel gelernt. Wie soll ich das je wieder gut machen? Vor allem, wenn ich aus den Augen der Kinder, ohne richtigen Grund überstürzt weggehe.

Am Sonntag geht es los, nach Banos, ich habe in einer Touristenagentur eine Stelle gefunden. Ich freue mich wegzukommen, aus Arosemena, von Tena. Ich habe hier nie richtig Anschluss gefunden, auch wenn die Menschen wirklich nett sind und sich alle mühe geben. Aber ich passe hier nicht her, es ist einfach keine Umgebung in der ich mich wohlfühlen kann. Etwas neues, anderes sehen wird mir gut tun, aber allein der Kinder wegen würde ich dableiben. Die Schule ist nicht einfach und es gab Tage an denen ich mich im Bett verkriechen und nie mehr rauskommen wollte, aber allein die Blicke auf ihren Gesichtern, wie sie mich ansehen, ich merke einfach wie viel ich ihnen bedeute. Und es ist schön zu wissen, dass man zu den Lehrern gehört die die Kinder erwarten, bei denen sie nicht tief in den Sessel sinken und stöhnen sondern aufspringen und jubeln (tun sie wirklich).
Wenn ich früher gewusst hätte dass es so endet hätte ich meine Zeit hier mehr Wertgeschwätz. Das tut mir jetzt Leid.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen