Als wir die 3500m-Marke überschreiten beginne ich
doch nervös zu werden. Die letzten fünfzehn Minuten war ich mich mit dem Blick
aus dem Fenster und dem Versuch eine bequemere Position für meine Beine zu
finden, beschäftigt gewesen. Selbst als die Stadt unter mir immer kleiner
wurde, ich zuerst noch den Flugplatz, einzelne Häuser, dann nur noch grobe
Umrisse und schlussendlich die von unten nicht zu erkennenden Wolken in ihrer
ganzen Pracht warnahm, hatte ich keine Angst gehabt. Vorfreude, ein Kribbeln im
Magen, einen Lächeln im Gesicht das sich einfach nicht zurückhalten lies. Aber Angst?
Wovor?
Vor einem 4000m Sprung ins Ungewisse?
Vor 55 Sekunden freien Fall?
Es mag unlogisch klingen aber so etwas macht mir
keine Angst. Ja, es begeistert, lässt mich aufgekratzt werden, vielleicht sogar
meine Hände zittern. Aber Angst bereitet es mir nicht. Ich liebe diese Extreme.
Ich liebe das Neue. Ich liebe das Adrenalin, die Freiheit. Ich liebe alles was
Anders ist, was nichts mit meinem alltäglichen, durschnittlichen,
durchgeplanten Leben zu tun hat.
Mein Sprung-Partner gibt mir die letzten Anweisungen.
Kappe aufsetzten, wie wir fallen, was ich tun muss. Es ist nicht viel, selbst
ich sollte es ohne Fehler schaffen. Die Anderen grinsen mich an, außer mir
befinden sich zwei andere Tandem- und ein Haufen Einzelspringer in dem Flugzeug.
Ein junger Mann in blauem Overall neben mir fragt mich ob ich nervös bin.
"Ein bisschen" Er lacht, ich weiß nicht
ob er mir glaubt, am Boden hat er mir noch anvertraut, dass er vor seinem
ersten Sprung unglaublich weiche Knie hatte. Ich mustere ihn kurz etwas länger.
Jetzt wirkt er entspannt, vorfreudig. Er lacht, er hat keine Bedenken. Er wird
springen und es genießen. Ich will das auch. Fallen, einfach nur fallen. Frei
sein, etwas erleben. Etwas Einmaliges.
Wir haben die Wolken unter uns gelassen. Nicht
alle, natürlich, aber die Großen. Es ist faszinierend, von unten waren sie kaum
erkennbar, weise Streifen in weiter Ferne, und hier wirken sie überdimensional
und mächtig.
Dann ist es so weit, wir sind da. Mein Spring-Partner
schnallt mich an sich fest. Die Einzelspringer vor uns robben zur Tür, alle
lachen, verabschieden sich, und dann sind sie plötzlich weg. Einer nach dem
anderen. Auch den jungen Mann in dem blauen Overall. Einfach weg.
Wir robben zur Tür, es ist schwer sich im Sitzen
zu bewegen, vor allem wenn man an jemanden festgeschnallt ist. Und dann sehe
ich ins Freie, ich sehe den Himmel, den Boden. Mein Herz setzt kurz aus. Ich
sehe eine Welt die so groß und gewaltig ist, eine Welt die mir wunderschön und
irgendwie tödlich erscheint. "Ich mache das wirklich" Der Gedanke
schießt mir in den Kopf. "Ich verwirkliche gerade einen Traum".
Meine Füße sind in der Luft. Meine Füße befinden
sich auf 4000 Metern. Wir sitzen am Rad des Flugzeuges und meine Füße befinden
sich im Nichts. Und dann bin ich weg. Einfach weg. Es geht so schnell dass ich
es nicht realisiere. Kurz denke ich gar nichts, ich bin vollkommen leer, für
einen Bruchteil einer Sekunde gibt es absolut nichts und dann realisiere ich
"Ich falle, ich falle.... ICH FALLE"
Ich reise die Augen auf, breite meine Arme aus.
Mein Körper scheint jedes zur Verfügung stehende Hormon auszusenden, ich werde von einer
Welle des Glücks umspült. Ich will schreien, der Welt mitteilen wie es sich
anfühlt. Ich bin heillos überfordert, mein Gehirn beginnt nur langsam zu
begreifen was passiert. Ich will den Moment aufsaugen, in die Länge ziehen, nie
mehr loslassen. Es ist mir unmöglich zu entscheiden wo ich hinblicken soll, auf
den Boden, der rasend schnell und doch unglaublich langsam näher kommt. Diese
Welt die sich vor mir ausstreckt, diese riesige, mit tausenden Einzelheiten und
Details versehene Welt die so viel größer und gewaltiger ist als ich es bis zu diesem Moment jemals wahrgenommen habe. Oder in die Ferne, über die Felder und Wälder und Berge und Städte hinweg
in den Horizont. Und dann ist da der Himmel. Immer wieder schwankt mein Blick
nach oben in den Himmel. Die Wolken werden kleiner, er ist so blau und klar. So
schön und majestätisch habe ich ihn noch nie gesehen.
Mein Körper, mein Geist, alles in mir ist von
einem Gefühl erfüllt das ich bisher nicht kannte. Ich bin nicht einfach
glücklich, ich werde nicht einfach von einer Welle des Adrenalins umspült. Ich fühle
mich nicht einfach frei und leicht. Es ist all das zusammen und irgendwie doch
nicht. Mein Kopf ist voller Gedanken und dennoch leer. Mein Körper ist angespannt
und entspannt. Ich will schreien und gleichzeitig in ruhe genießen. Das Gefühl
ist einzigartig, ich will es festhalten.
Und dann öffnet sich der Fallschirm, ein Ruck und
die Welt verändert sich noch einmal. Wir werden langsamer, aber fallen noch
immer. Es ist nicht besser oder schlechter, aber anders. Ich kann wieder
denken, auch wenn meine Gedanken immer noch verrücktspielt. Wir sind auf ungefähr
1000 Meter, die Welt ist näher und doch so weit weg. Ich kann wieder
Details erkennen, ich sehe die Stadt, Wälder, Seen, in der Ferne Berge. Ich
sehe den Flugplatz, Häuser, Flüsse. Aber immer wieder fällt mein Blick in den
Himmel zurück, immer noch gewaltig und majestätisch. Ich fühle mich so klein,
klein und unbedeutend.
Und dann darf ich lenken, wir drehen uns nach
links und rechts. Wir ziehen unsere Kreise und kommen dem Boden immer näher. In
mir ordnet sich alles wieder, jetzt ist da einfach nur mehr ein wunderschönes
allumschließendes Glücksgefühl. Wir drehen uns, aber ich merke es nicht richtig.
Ich fühle wie wir unsere Richtung ändern, wie der Wind den Schirm aufbläht, aber
der Bezugspunkt fehlt. Skurril, dass man beim Fallschirmspringen die Drehungen
nicht wahrnimmt.
Der Boden kommt näher, erst gegen Ende bemerke
ich wie schnell wird sind. Die Landung ist beinahe perfekt, ich kippe nicht um.
Nachdem das Geschirr entfernt ist, ich wieder auf festem Boden stehe und kurz
in den Himmel blicke, wird mir bewusst, dass das nicht das letzte Mal war. Ich
will wieder hinauf, ich will noch einmal die Welt von oben sehen, ich will noch
einmal fallen. Ich glaube das hier war einer dieser Moment den ich nie
vergessen werde und der irgendwie alles verändert wird.
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