Dienstag, 7. Juli 2015

Den Himmel von oben sehen


Als wir die 3500m-Marke überschreiten beginne ich doch nervös zu werden. Die letzten fünfzehn Minuten war ich mich mit dem Blick aus dem Fenster und dem Versuch eine bequemere Position für meine Beine zu finden, beschäftigt gewesen. Selbst als die Stadt unter mir immer kleiner wurde, ich zuerst noch den Flugplatz, einzelne Häuser, dann nur noch grobe Umrisse und schlussendlich die von unten nicht zu erkennenden Wolken in ihrer ganzen Pracht warnahm, hatte ich keine Angst gehabt. Vorfreude, ein Kribbeln im Magen, einen Lächeln im Gesicht das sich einfach nicht zurückhalten lies. Aber Angst? Wovor?
Vor einem 4000m Sprung ins Ungewisse?
Vor 55 Sekunden freien Fall?
Es mag unlogisch klingen aber so etwas macht mir keine Angst. Ja, es begeistert, lässt mich aufgekratzt werden, vielleicht sogar meine Hände zittern. Aber Angst bereitet es mir nicht. Ich liebe diese Extreme. Ich liebe das Neue. Ich liebe das Adrenalin, die Freiheit. Ich liebe alles was Anders ist, was nichts mit meinem alltäglichen, durschnittlichen, durchgeplanten Leben zu tun hat.
Mein Sprung-Partner gibt mir die letzten Anweisungen. Kappe aufsetzten, wie wir fallen, was ich tun muss. Es ist nicht viel, selbst ich sollte es ohne Fehler schaffen. Die Anderen grinsen mich an, außer mir befinden sich zwei andere Tandem- und ein Haufen Einzelspringer in dem Flugzeug. Ein junger Mann in blauem Overall neben mir fragt mich ob ich nervös bin. 
"Ein bisschen" Er lacht, ich weiß nicht ob er mir glaubt, am Boden hat er mir noch anvertraut, dass er vor seinem ersten Sprung unglaublich weiche Knie hatte. Ich mustere ihn kurz etwas länger. Jetzt wirkt er entspannt, vorfreudig. Er lacht, er hat keine Bedenken. Er wird springen und es genießen. Ich will das auch. Fallen, einfach nur fallen. Frei sein, etwas erleben. Etwas Einmaliges.
Wir haben die Wolken unter uns gelassen. Nicht alle, natürlich, aber die Großen. Es ist faszinierend, von unten waren sie kaum erkennbar, weise Streifen in weiter Ferne, und hier wirken sie überdimensional und mächtig.
Dann ist es so weit, wir sind da. Mein Spring-Partner schnallt mich an sich fest. Die Einzelspringer vor uns robben zur Tür, alle lachen, verabschieden sich, und dann sind sie plötzlich weg. Einer nach dem anderen. Auch den jungen Mann in dem blauen Overall. Einfach weg.
Wir robben zur Tür, es ist schwer sich im Sitzen zu bewegen, vor allem wenn man an jemanden festgeschnallt ist. Und dann sehe ich ins Freie, ich sehe den Himmel, den Boden. Mein Herz setzt kurz aus. Ich sehe eine Welt die so groß und gewaltig ist, eine Welt die mir wunderschön und irgendwie tödlich erscheint. "Ich mache das wirklich" Der Gedanke schießt mir in den Kopf. "Ich verwirkliche gerade einen Traum".
Meine Füße sind in der Luft. Meine Füße befinden sich auf 4000 Metern. Wir sitzen am Rad des Flugzeuges und meine Füße befinden sich im Nichts. Und dann bin ich weg. Einfach weg. Es geht so schnell dass ich es nicht realisiere. Kurz denke ich gar nichts, ich bin vollkommen leer, für einen Bruchteil einer Sekunde gibt es absolut nichts und dann realisiere ich "Ich falle, ich falle.... ICH FALLE"
Ich reise die Augen auf, breite meine Arme aus. Mein Körper scheint jedes zur Verfügung stehende Hormon auszusenden, ich werde von einer Welle des Glücks umspült. Ich will schreien, der Welt mitteilen wie es sich anfühlt. Ich bin heillos überfordert, mein Gehirn beginnt nur langsam zu begreifen was passiert. Ich will den Moment aufsaugen, in die Länge ziehen, nie mehr loslassen. Es ist mir unmöglich zu entscheiden wo ich hinblicken soll, auf den Boden, der rasend schnell und doch unglaublich langsam näher kommt. Diese Welt die sich vor mir ausstreckt, diese riesige, mit tausenden Einzelheiten und Details versehene Welt die so viel größer und gewaltiger ist als ich es bis zu diesem Moment jemals wahrgenommen habe. Oder in die Ferne, über die Felder und Wälder und Berge und Städte hinweg in den Horizont. Und dann ist da der Himmel. Immer wieder schwankt mein Blick nach oben in den Himmel. Die Wolken werden kleiner, er ist so blau und klar. So schön und majestätisch habe ich ihn noch nie gesehen.
Mein Körper, mein Geist, alles in mir ist von einem Gefühl erfüllt das ich bisher nicht kannte. Ich bin nicht einfach glücklich, ich werde nicht einfach von einer Welle des Adrenalins umspült. Ich fühle mich nicht einfach frei und leicht. Es ist all das zusammen und irgendwie doch nicht. Mein Kopf ist voller Gedanken und dennoch leer. Mein Körper ist angespannt und entspannt. Ich will schreien und gleichzeitig in ruhe genießen. Das Gefühl ist einzigartig, ich will es festhalten.
Und dann öffnet sich der Fallschirm, ein Ruck und die Welt verändert sich noch einmal. Wir werden langsamer, aber fallen noch immer. Es ist nicht besser oder schlechter, aber anders. Ich kann wieder denken, auch wenn meine Gedanken immer noch verrücktspielt. Wir sind auf ungefähr 1000 Meter, die Welt ist näher und doch so weit weg. Ich kann wieder Details erkennen, ich sehe die Stadt, Wälder, Seen, in der Ferne Berge. Ich sehe den Flugplatz, Häuser, Flüsse. Aber immer wieder fällt mein Blick in den Himmel zurück, immer noch gewaltig und majestätisch. Ich fühle mich so klein, klein und unbedeutend. 
Und dann darf ich lenken, wir drehen uns nach links und rechts. Wir ziehen unsere Kreise und kommen dem Boden immer näher. In mir ordnet sich alles wieder, jetzt ist da einfach nur mehr ein wunderschönes allumschließendes Glücksgefühl. Wir drehen uns, aber ich merke es nicht richtig. Ich fühle wie wir unsere Richtung ändern, wie der Wind den Schirm aufbläht, aber der Bezugspunkt fehlt. Skurril, dass man beim Fallschirmspringen die Drehungen nicht wahrnimmt. 
Der Boden kommt näher, erst gegen Ende bemerke ich wie schnell wird sind. Die Landung ist beinahe perfekt, ich kippe nicht um. Nachdem das Geschirr entfernt ist, ich wieder auf festem Boden stehe und kurz in den Himmel blicke, wird mir bewusst, dass das nicht das letzte Mal war. Ich will wieder hinauf, ich will noch einmal die Welt von oben sehen, ich will noch einmal fallen. Ich glaube das hier war einer dieser Moment den ich nie vergessen werde und der irgendwie alles verändert wird.

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