Dienstag, 18. August 2015

Nur ein Weg


Es gibt einen kleinen Weg an dem ich jeden Tag vorbeigefahren bin. Früher. In die Schule, zu Karate, in die Stadt, immer dieser eine kleine Weg. Ich wusste ungefähr wohin er führt, einen Hügel hinauf, durch den Wald. Immer wieder waren hier Menschen unterwegs, Läufer, Spaziergänger, Familien mit Kinderwägen. Und dennoch, nie wusste ich exakt wohin er mich führen würde. Immer nur ein kleines Stück, immer nur das letzte Ende, immer nur als Übergang. Nie habe ich ihn ganz beschritten, die letzten 50 Meter waren, nein sind, mir so vertraut dass ich sie mit geschlossenen Augen durchschreite könnte, aber der Rest? Ein Rätzel. Ein Geheimnis das wohl nie gelöst werden würde.
Bis heute.
Es war nicht spektakulär, nichts außergewöhnliches, kein weltoffenbarender Moment. Der Weg folgte dem Wald, ich musste Blättern, Ästen und Schnecken ausweichen, einer Gruppe Frauen mit Hunden. Steil war er, steil und mühsam zu befahren. Der Asphalt brüchig, alt. Nicht wichtig genug um erneuert zu werden, aber eindeutig viel begangen. Der Weg war was ich erwartet hatte und dennoch befiel mich eine gewisse Bitterkeit. Ein fahler Geschmack in meinem Mund, das Gefühl, der Gedanke, das es mehr sein sollte. Das dieser Weg, dieser eine Weg, der mir immer verborgen geblieben war, der mir nie auffiel und dennoch immer da war, dieser Weg der eines der letzten kleinen Geheimnisse in meinem Leben darstellte, das ausgerechnet er so sich als gewöhnlich und unscheinbar herausstellte. 
Diese Emotionen, die mich am Ende des Weges einholten, mich innehalten ließen und für einen Augenblick meine ruhige und angenehm harmonische Welt etwas verdunkelten, weilten nicht lange. Natürlich nicht. Schnell wurde mir bewusst das es nur ein Weg war, ein kleiner Asphaltweg, eine Abkürzung, eine Möglichkeit ein Stückchen Wald zu durchqueren. Natürlich, das war die Realität, das ist die Realität. Es ist ein Weg, nicht mehr und nicht weniger. Aber etwas an dieser Geschichte hat mich berührt, irgendetwas hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hat mich dazu gebracht innezuhalten, über den Weg nachzudenken, und ihn für das zu sehen was er ist.

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