Ich erfriere.
Nicht metaphorisch sondern wortwörtlich. Ich sitze (wieder einmal) im Büro, habe meinen kuschel-Pulli aus Otavalo an und erfriere. Das erste Mal in Ecuador. Denke ich. Außer man zählt die eine Nacht in Arosemena, in der ich plötzlich eine Decke und nicht nur ein Leintuch benutzen musste.
Es regnet hier seit Tagen, die Sonne sah ich das letzte Mal beim Raften, dass vor 5 Tagen. Ich bekomme fast Heimweh nach Arosemena, da scheint die Sonne, eher verglühe ich als dass ich zitternd in einer Ecke kauere und mir eine Heizung wünsche (die in Ecuador niemand zu haben scheint).
Dazu kommt der Karneval-Wahnsinn. Ich gestehe, keine Ahnung wie es anderswo ist. Leute sagen, das Cuenca der Wahnsinn ist. Andere meinen Misuhalli ist das Beste, ein paar schwören auf eine Stadt in der Nähe von Ambato. Ich bin hier ganz zufrieden, es gibt zwar keine gratis-Konzerte oder Paraden, aber jede Menge Ecuadorianer und vor allem Touristen die durchdrehen. Bis heut vor allem letztere, aber am letzten Tag von Karneval scheinen endlich die Einheimischen die Oberhand zu übernehmen.
Und was genau meine ich mit "durchdrehen"?
Man kann hier, mittlerweile überall, Sprühflaschen kaufen die einen weißen, süßlichriechenden Schaum versprühen, der je nach Qualität sofort verpufft, oder länger auf Kleidung, Haaren und Haut kleben bleibt. Hat man einmal den "ich bin so vollgesprüht, dass ich glatt als Wolke durchgehen könnte"-Status erreicht, verströmt man den angenehmen Geruch von Fruchtkaugummi und ist bis auf die Knochen durchnässt.
Ich geben zu, es macht Spaß. Sich gegenseitig durch die Straßen zu jagen, "Schaumschlachten" abzuhalten, jedes vorbeifahrende Auto zu attackieren und in offene Fenster hineinzusprühen. Es ist als wäre man wieder Kind.
Aber der Schaum ist nicht das einzige mit dem man sich gegenseitig in den Wahnsinn treiben kann. Von Tag zu Tag werden die Menschen "kreativer", das fängt an mit Wasser, geht über zu farbigen Pulver, Mehl und Eiern (eine besonders tolle Kombination) und endet bei Spagetti. Kein Scherz.
Meistens aus dem Fenster auf vorbeigehende Passanten geworfen, macht man sich vor allem mit letzterem viele Freunde. Aber keine Sorge, das habe ich nur einmal gesehen.
Neben den Straßenschlachten ist leider nichts los. Naja, außer Party. Alle gehen weg, tanzen, drinken und sobald man eine Bar verlässt; weiterspielen. So nennt man das hier nämlich, "jugando". Endresultat, ich war 4 Tage hintereinander weg, heute lass ich es vielleicht besser bleiben.
Für all diejenigen, die eine Ecuadorreise um Karneval herum planen, einige Tipps:
- "no juego"? vergiss es, je mehr du dich sträubst, desto mehr wirst du gejagt. Mit Kapuzenpulli, die Haare und das Gesicht tief in der eigenen Kleidung versteckt, schnell die Straße entlangzugehen macht genau DICH zum Opfer.
- Kauf keine kleinen Spühflaschen, ja große sind teurer, aber man hat mehr davon. Fängt man einmal an hört das "sich durch Straßen jagen" sowieso nie auf.
- Bleib zu Hause wenn du nicht nass werden willst.
- Wechselkleidung kann nützlich sein.
- Hat man genug kann man immer in eine Bar/Disco flüchten. Sprüh aber dort herum und du hast ein Problem.
- Geh spät nach Hause. Nach 3 sind die Straßen halbwegs sicher. 4 ist noch besser.
- Oder nimm Umwege. Lieber 5 Minuten mehr als sich alle paar Stunden die Haare waschen zu müssen.
- Der Schaum ist richtig schlimm für die Haare. Kapuzen sind nützlich.
- Du musst schnell nach Hause, kommst nicht an den Hauptstraßen vorbei und hast absolut keine Lust den ganzen Wahnsinn mitzumachen? Als Tourist gibt es eine Methode die manchmal funktioniert: setz einen "sprüh mich an und ich springe dir an die Kehle" Blick auf, geh schnell aber renn nicht, wirf mit genervten Blick um dich, versuch großen Gruppen aus dem Weg zu gehen aber nie plötzlich die Straßenseite wechseln.
Garantie gibt es aber keine.
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